Zusammenfassung: Geschichte pädagogischen Denkens

In der Einleitung des Textes wird die Geschichte des pädagogischen Denkens als akademisches Fach und Forschungsgebiet diskutiert. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein bestand die akademische Ausbildung von Pädagogen in Deutschland zu einem großen Teil aus der Kenntnis der Geschichte der Pädagogik. Die Disziplin definierte und rechtfertigte sich durch ihre Geschichte. Die Geschichte der Pädagogik begann im Wesentlichen mit der Arbeit von August Hermann Niemeyer und Christian Heinrich Schwarz, die die Geschichte der Erziehung von ihren Anfängen bis zur Gegenwart nachzeichneten.
Die Geschichte der Pädagogik ist jedoch keine einheitliche Einheit, sondern es gibt viele verschiedene Perspektiven, aus denen man sie betrachten kann, darunter die Geschichte der Personen, Institutionen, Ideen und gescheiterten oder erfolgreichen Versuche. Jede dieser Perspektiven hatte einen anderen Schwerpunkt und Zweck in der pädagogischen Ausbildung.

Obwohl die empirische Wende in den 1970er und 1980er Jahren die Dominanz der Geschichte der Pädagogik in der akademischen Ausbildung in Frage stellte, wurde ihr Wert in den letzten Jahren von Wissenschaftlern wie Dietrich Benner und Jürgen Oelkers wieder stärker betont. Sie argumentieren, dass ein tiefes Verständnis der Erziehung ohne historische Bezüge nicht möglich ist.

Die Einleitung argumentiert dann für die Bedeutung des Verständnisses der Geschichte des pädagogischen Denkens und der pädagogischen Praxis, wobei sie sich auf den reichen Schatz an historischen Einsichten und Erfahrungen konzentriert, die durch das Studium der Geschichte gewonnen werden können. Der Text ist exemplarisch, d.h. er veranschaulicht die Geschichte der Pädagogik anhand einer Reihe von Beispielen aus verschiedenen Epochen.

In der Einleitung wird kurz der Inhalt der einzelnen Kapitel vorgestellt, wobei die griechische Antike als Ursprung des europäischen Bildungsdenkens, die Pädagogik der Aufklärung als pädagogisches Programm, die Bildungsphilosophie des Neuhumanismus, die Reformpädagogik und die Pädagogik des Nationalsozialismus als notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit erwähnt werden.

Schließlich wird in der Einleitung die Bedeutung der Geschichte der Pädagogik hervorgehoben, da sie eine Fülle von pädagogischen Ideen und Theorien sowie die Geschichte der pädagogischen Praxis, ihrer Erfolge und Misserfolge, ihrer Möglichkeiten und Grenzen bietet. Durch die Kenntnis der Geschichte kann der Pädagoge seinen theoretischen Horizont erweitern und den Umfang seiner praktischen Erfahrungen und Einsichten bereichern.

Die griechische Antike

Dieses Kapitel des Buches „Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft“ von Birgitta Fuchs konzentriert sich auf die Geschichte des pädagogischen Denkens in der griechischen Antike, insbesondere im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. Diese Epoche wird als Ursprung des europäischen Bildungsdenkens betrachtet und hat die Entwicklung der Pädagogik bis heute maßgeblich beeinflusst.

Der Übergang vom Mythos zum Logos

Im 5. Jahrhundert v. Chr. erlebte Griechenland eine erste europäische Aufklärungsbewegung, die den Übergang von mythisch-poetischen Welterklärungen zu wissenschaftlich-rationalen Denkweisen markierte. Die griechischen Naturphilosophen begannen, die Welt durch rationale Erklärungen zu verstehen, und stellten damit die traditionellen Mythen in Frage.

Die Entstehung der Demokratie und die Bedeutung der Rhetorik

Mit dem Beginn des Perikleischen Zeitalters (480-430 v. Chr.) und der Einführung der Demokratie in Athen gewannen Bildung und Rhetorik eine neue Bedeutung. Die Fähigkeit, überzeugend zu reden und zu argumentieren, wurde für die politische Partizipation und die demokratische Mitbestimmung unerlässlich.

Drei pädagogische Modelle der griechischen Antike

In dieser Zeit entwickelten sich drei verschiedene pädagogische Modelle, die die Geschichte der Pädagogik bis heute prägen:

  1. Die pragmatisch-utilitaristische Bildungstheorie der Sophisten: Die Sophisten waren professionelle Lehrer, die eine höhere Bildung für junge Männer anboten, um sie auf politische Ämter vorzubereiten. Ihr Fokus lag auf der Rhetorik, Grammatik und Dialektik, die später als Trivium in den Kanon der septem artes liberales aufgenommen wurden.
  2. Die philosophisch-ethische Bildungstheorie von Sokrates und Platon: Sokrates entwickelte die Mäeutik, die „Hebammenkunst“, als Methode der Gesprächsführung, um seine Schüler durch gezielte Fragen zur Selbsterkenntnis und zu wahren Erkenntnissen zu führen. Platon, sein Schüler, erweiterte diese Methode und entwarf in seinem Werk Politeia ein umfassendes Bildungsprogramm, das auf die philosophische Ausbildung der zukünftigen Regenten abzielte.
  3. Die humanistisch-rhetorische Bildungstheorie des Isokrates: Isokrates, ein einflussreicher Rhetoriker und Lehrer, betonte die Bedeutung der Rhetorik für die Bildung des Menschen. Er kritisierte die philosophische Bildung Platons als lebensfern und plädierte für eine praxisorientierte Bildung, die auf die politische und soziale Teilhabe vorbereitete.

Der Beitrag von Giambattista Vico

Der italienische Philosoph Giambattista Vico (1668-1744) griff den Diskurs zwischen Platon und Isokrates wieder auf und verteidigte die humanistisch-rhetorische Bildung gegen den neuzeitlichen Rationalismus von René Descartes. Vico betonte die Bedeutung des sensus communis, des gesunden Menschenverstandes, für die politische und soziale Praxis und plädierte für eine Bildung, die sowohl die rationale als auch die emotionale Seite des Menschen anspricht.

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte

  • Die griechische Antike ist der Ursprung des europäischen Bildungsdenkens.
  • Der Übergang vom Mythos zum Logos und die Entstehung der Demokratie führten zu einer neuen Bedeutung von Bildung und Rhetorik.
  • Die Sophisten, Sokrates und Platon sowie Isokrates entwickelten drei verschiedene pädagogische Modelle, die die Geschichte der Pädagogik bis heute prägen.
  • Giambattista Vico griff den Diskurs zwischen Platon und Isokrates wieder auf und verteidigte die humanistisch-rhetorische Bildung gegen den neuzeitlichen Rationalismus.

Reflexion und Ausblick

Die Geschichte des pädagogischen Denkens in der griechischen Antike zeigt, dass die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Wissen, Rhetorik und Moral von Anfang an im Zentrum der Pädagogik stand. Die verschiedenen Ansätze der Sophisten, Sokrates, Platon und Isokrates sowie die Überlegungen von Vico bieten auch heute noch Anknüpfungspunkte für die pädagogische Diskussion.

Die Frage nach dem Stellenwert von Rhetorik und Moral im Verhältnis zum Wissen ist auch in der heutigen Zeit von großer Bedeutung. In einer Welt, die von Informationstechnologie und Globalisierung geprägt ist, ist es wichtiger denn je, junge Menschen zu einer umfassenden Bildung zu führen, die nicht nur Wissen und Fähigkeiten, sondern auch Werte und soziale Kompetenzen vermittelt.

Die Geschichte der Pädagogik in der griechischen Antike erinnert uns daran, dass Bildung mehr ist als nur die Aneignung von Wissen und Fähigkeiten. Bildung ist auch die Entwicklung der Persönlichkeit, die Förderung von Kreativität und die Ausbildung eines moralischen Bewusstseins. Nur so können junge Menschen zu verantwortungsvollen Bürgern heranwachsen, die die Herausforderungen der Zukunft meistern können.

Pädagogik der Aufklärung

Dieses Kapitel des Buches „Einführung in die Erziehungs- und Bildungswissenschaft“ von Birgitta Fuchs widmet sich der Pädagogik der Aufklärung, einer Epoche, die im 17. und 18. Jahrhundert das Denken über Erziehung und Bildung grundlegend veränderte. Die Aufklärung war nicht nur eine historische Epoche, sondern auch ein pädagogisches Programm, das die Entwicklung des Individuums zu einem mündigen und selbstständigen Wesen in den Vordergrund stellte.

Die Aufklärung als historische Epoche

Die Aufklärung war geprägt durch das Vertrauen in die menschliche Vernunft, die Emanzipation der Wissenschaften und die Kritik an Autoritäten und Traditionen. Die Aufklärer forderten die Überwindung von Aberglaube, Vorurteilen und Unwissenheit durch Bildung und Erziehung.

Die Aufklärung als pädagogisches Programm

Als pädagogisches Programm verfolgte die Aufklärung zwei Hauptziele:

  1. Rationalistische Perspektive: Die Überwindung von Unwissenheit und die Förderung des rationalen Denkens standen im Vordergrund.
  2. Emanzipatorische Perspektive: Die Befreiung des Menschen aus Abhängigkeiten und die Förderung der Selbstbestimmung waren die zentralen Anliegen.

Immanuel Kant und die Idee der Selbstaufklärung

Der Philosoph Immanuel Kant prägte mit seiner Schrift „Was ist Aufklärung?“ das Selbstverständnis der Epoche. Er forderte den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und betonte die Bedeutung des Selbstdenkens.

Gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen

Die pädagogischen Ideen der Aufklärung entstanden vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen. Der Absolutismus und der Merkantilismus erforderten eine neue Form von Bildung, die auf die Bedürfnisse des Staates und der Wirtschaft ausgerichtet war.

Die didaktischen Reformer des 17. Jahrhunderts

Im 17. Jahrhundert traten die didaktischen Reformer wie Wolfgang Ratke und Johann Amos Comenius auf den Plan. Sie kritisierten den Verbalismus in den Schulen und forderten eine stärkere Berücksichtigung der Realien. Comenius entwickelte in seiner „Didactica Magna“ eine umfassende Theorie des Unterrichts, die auf die Förderung der kindlichen Entwicklung und die Vermittlung von Wissen abzielte.

Anfänge eines modernen Bildungswesens

Im 17. und 18. Jahrhundert entstanden erste Ansätze eines modernen Bildungswesens. Die Adelsbildung orientierte sich am Ideal des „Gentilhomme“, des weltgewandten Hofmannes. Das Bürgertum forderte eine Bildung, die auf die berufliche Qualifikation vorbereitete. Die Volksbildung sollte durch die Reform der Elementarschulen verbessert werden.

Wichtige Vertreter der Pädagogik der Aufklärung

  • John Locke: Der englische Philosoph betonte die Bedeutung der Erziehung für die Entwicklung des Menschen. Er forderte eine Erziehung zur Tugendhaftigkeit, Klugheit und Kultiviertheit.
  • Jean-Jacques Rousseau: Der französische Philosoph kritisierte die gesellschaftlichen Verhältnisse und forderte eine Erziehung zur Natürlichkeit und Selbstbestimmung.
  • Immanuel Kant: Der deutsche Philosoph forderte die Entwicklung des Menschen zu einem mündigen und selbstständigen Wesen.
  • Die Philanthropen: Diese reformpädagogische Bewegung setzte sich für eine kindgemäße Erziehung und die Reform des Schulwesens ein.

Der Übergang zum Neuhumanismus

Im späten 18. Jahrhundert entstand der Neuhumanismus als Gegenbewegung zur Aufklärung. Die Neuhumanisten kritisierten den Utilitarismus der Aufklärung und betonten die Bedeutung der individuellen Bildung und der klassischen Kultur.

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte

  • Die Aufklärung war eine Epoche des Vertrauens in die Vernunft und der Kritik an Autoritäten.
  • Die Pädagogik der Aufklärung forderte die Entwicklung des Menschen zu einem mündigen und selbstständigen Wesen.
  • Gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen führten zu neuen Anforderungen an die Bildung.
  • Die didaktischen Reformer des 17. Jahrhunderts und wichtige Vertreter der Aufklärung wie Locke, Rousseau und Kant prägten das Denken über Erziehung und Bildung.
  • Der Neuhumanismus entstand als Gegenbewegung zur Aufklärung und betonte die Bedeutung der individuellen Bildung.

Reflexion und Ausblick

Die Pädagogik der Aufklärung hat die Entwicklung der modernen Erziehungswissenschaft maßgeblich beeinflusst. Die Ideen der Aufklärung, wie die Bedeutung des rationalen Denkens, der Selbstbestimmung und der kindgemäßen Erziehung, sind auch heute noch aktuell. Die Aufklärung hat uns aber auch die Grenzen der Erziehung aufgezeigt und uns daran erinnert, dass Bildung mehr ist als nur die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten.

Das Kapitel befasst sich mit der Bildungsphilosophie des Neuhumanismus, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert als Reaktion auf den Utilitarismus der Aufklärung entstand. Im Gegensatz zur Betonung des Nutzens und der beruflichen Qualifikation durch die Aufklärung konzentrierte sich der Neuhumanismus auf die harmonische Entwicklung aller menschlichen Kräfte zu einem Ganzen. Bildung wurde als Selbstzweck betrachtet, und die griechisch-römische Antike wurde wegen ihrer Kultur, Literatur und Philosophie hoch geschätzt.

Französische Revolution und Preußische Reformen

Die Französische Revolution mit ihren Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie die preußischen Reformen nach der Niederlage gegen Napoleon spielten eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Neuhumanismus. Die Revolution in Frankreich führte zu Diskussionen über die politische Liberalisierung und Demokratisierung in ganz Europa, während die preußischen Reformen darauf abzielten, die rechtlichen Voraussetzungen für die Freisetzung des Individuums aus der ständisch geschlossenen Lebenswelt zu schaffen.

Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie

Wilhelm von Humboldt war einer der wichtigsten Vertreter des Neuhumanismus. Er betonte die Bildung als Selbstzweck und den Vorrang der allgemeinen Menschenbildung vor der Berufsausbildung. Humboldt forderte die harmonische Entwicklung aller Kräfte im Menschen durch die Auseinandersetzung mit der Welt und die Wechselwirkung von Ich und Welt.

Humboldts Bildungssystem

Humboldt entwarf ein dreistufiges Bildungssystem: Elementarunterricht, Schulunterricht (Gymnasium) und Universitätsunterricht. Der Elementarunterricht sollte die Schüler in den Stand versetzen, „eigentlich Dinge zu lernen und einem Lehrer zu folgen“. Der gymnasiale Unterricht zielte auf die Entfaltung der intellektuellen Kräfte und die Vorbereitung auf das Universitätsstudium ab. Das Universitätsstudium sollte die Studenten in den Prozess der Forschung einbeziehen und sie zur freien wissenschaftlichen Reflexion befähigen.

Schleiermachers Theorie der Erziehung

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher war ein weiterer wichtiger Vertreter des Neuhumanismus. Er entwickelte seine Pädagogik im Kontext der praktischen Philosophie (Ethik) und betonte die Bedeutung der Erziehung für die Entwicklung der Persönlichkeit und die Verbesserung der Gesellschaft. Schleiermacher plädierte für eine Erziehung, die sowohl die individuellen als auch die universellen Ziele berücksichtigt.

Schleiermachers dialektische Denkmethode

Schleiermacher verwendete eine dialektische Denkmethode, die von einer gegebenen Differenz der Vorstellungen zur Übereinstimmung zu gelangen sucht. Er betonte die Bedeutung des Dialogs und der kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten, um zu einem begründeten Urteil zu gelangen.

Zusammenfassung

Die Bildungsphilosophie des Neuhumanismus hatte einen großen Einfluss auf das deutsche Bildungssystem. Die von Humboldt und Schleiermacher geforderte allgemeine Menschenbildung und die Betonung der Wechselwirkung von Ich und Welt sind auch heute noch relevant. Die dialektische Denkmethode Schleiermachers und seine Betonung der individuellen und universellen Ziele der Erziehung sind wichtige Beiträge zur pädagogischen Theorie und Praxis.

Reformpädagogik

Das Kapitel befasst sich mit der Reformpädagogik, einer Bewegung, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstand und die Erziehungswirklichkeit in Deutschland und darüber hinaus nachhaltig prägte. Sie entstand aus einer Kritik an der traditionellen „Lern- und Buchschule“ des 19. Jahrhunderts und forderte eine kindgemäße, schülerzentrierte und repressionsfreie Erziehung und Bildung.

Die Reformpädagogik war eine heterogene Bewegung mit einer Vielzahl von Ansätzen und Vertretern. Zu den wichtigsten Motiven gehörten die Gesellschafts- und Kulturkritik, die „Pädagogik vom Kinde aus“ und die Schulkritik.

Gesellschafts- und Kulturkritik:

Die Reformpädagogen kritisierten die negativen Folgen der Industrialisierung, die zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur und die Verarmung der Kultur. Sie forderten eine Rückbesinnung auf die menschliche Individualität und die Bedeutung von Gemeinschaft und Kreativität.

Pädagogik „vom Kinde aus“:

Die Reformpädagogik stellte das Kind in den Mittelpunkt des pädagogischen Denkens und Handelns. Sie forderte eine Erziehung, die sich an den Bedürfnissen und Entwicklungsphasen des Kindes orientiert und seine Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung fördert.

Schulkritik:

Die Reformpädagogen kritisierten den autoritären Unterrichtsstil, die Stofffülle und die Leistungsorientierung der traditionellen Schule. Sie forderten eine Schule, die die Freude am Lernen fördert, die Kreativität und die Persönlichkeit der Schüler entfaltet und ihnen demokratische Mitbestimmung ermöglicht.

Zu den wichtigsten Vertretern der Reformpädagogik gehörten:

  • Ellen Key: Sie proklamierte in ihrem Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ (1902) die Notwendigkeit einer Pädagogik, die sich an den Bedürfnissen des Kindes orientiert.
  • Maria Montessori: Sie entwickelte eine Methode der „Selbsttätigen Erziehung im frühen Kindesalter“ (1913), die die Sinneswahrnehmung und die Eigenaktivität des Kindes fördert.
  • Peter Petersen: Er gründete die Jena-Plan-Schule, eine „Lebensgemeinschaftsschule“, die die Schüler in altersgemischten Gruppen lernen und arbeiten lässt.
  • Alexander Sutherland Neill: Er gründete die Internatsschule Summerhill, die auf dem Prinzip der Selbstverwaltung und der freien Wahl des Unterrichts basiert.

Die Reformpädagogik hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Schulwesens im 20. Jahrhundert. Viele ihrer Ideen und Konzepte wurden in die Schulreform der Nachkriegszeit übernommen, wie z.B. die Individualisierung des Unterrichts, die Förderung der Schülermitbestimmung und die Öffnung der Schule für die Lebenswelt der Kinder.

Allerdings wird die Reformpädagogik auch kritisch gesehen. Ihr wird vorgeworfen, dass sie die Bedeutung von Wissen und Leistung vernachlässigt und dass sie zu einer Überforderung der Lehrer führt. Außerdem wird kritisiert, dass sie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Erziehung und Bildung ausblendet.

Trotz dieser Kritik hat die Reformpädagogik wichtige Impulse für die Entwicklung einer humanen und kindgemäßen Pädagogik gegeben. Ihre Ideen und Konzepte sind auch heute noch relevant für die Diskussion um die Zukunft der Schule.

Pädagogik im Nationalsozialismus

Das Kapitel befasst sich mit der Pädagogik im Nationalsozialismus, einem Thema, das aufgrund der menschenverachtenden Ideologie und der totalitären Instrumentalisierung der Erziehung im NS-Staat nur schwer als Pädagogik zu bezeichnen ist. Der Autor argumentiert, dass eine Auseinandersetzung mit diesem Thema dennoch unerlässlich ist, da sich die Erziehungswissenschaft mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen und die Faktoren verstehen muss, die zu den Gräueltaten des Nationalsozialismus geführt haben.

Hitlers Vorstellungen von Erziehung

Hitlers Vorstellungen von Erziehung, wie sie in „Mein Kampf“ dargelegt werden, basieren auf einer Rassenideologie und einem Sozialdarwinismus. Er sah die „Erhaltung des rassischen Daseins des Menschen“ als oberstes Ziel und forderte die Reinerhaltung und Höherentwicklung der „arischen Rasse“. Diese Ideologie führte zu einem Antiintellektualismus und einer Bildungsfeindlichkeit, die sich in der Betonung der körperlichen und charakterlichen Erziehung gegenüber der intellektuellen Bildung manifestierte.

Die ideologische Umgestaltung des Bildungswesens

Die Nationalsozialisten strebten eine Vereinheitlichung und ideologische Gleichschaltung des Bildungswesens an. Durch Gesetze und Erlasse wurde die Kontrolle über das Schulsystem zentralisiert und die Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien an die nationalsozialistische Ideologie angepasst.

Die Umgestaltung der Volksschule

Die Volksschule wurde neu ausgerichtet, um die Jugend zu „körperlich, seelisch und geistig gesunden und starken deutschen Männern und Frauen“ zu erziehen, die „in Heimat und Volkstum fest verwurzelt“ sind. Der Unterricht wurde auf die Vermittlung von „nationalpolitischen Stoffen“ konzentriert, und die Lehrer wurden angehalten, durch „Vorbild“ und „Begeisterung“ die nationalsozialistische Weltanschauung zu vermitteln.

Die höhere Schulbildung

Die höheren Schulen wurden ebenfalls umgestaltet, um den „nationalpolitischen Menschen“ zu formen. Die Schulzeit wurde verkürzt, die Koedukation abgeschafft und die verschiedenen Schultypen vereinheitlicht. Die Fächer wurden ideologisch ausgerichtet, und die Lehrerbildung wurde neu geordnet, um die ideologische Schulung der Lehrer zu gewährleisten.

Die Gründung neuer „politischer“ Schulen

Zusätzlich zu den bestehenden Schulen wurden neue „politische“ Schulen gegründet, wie die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napolas) und die Adolf-Hitler-Schulen (AHS). Diese Schulen dienten der Ausbildung einer nationalsozialistischen Elite und betonten die körperliche Ertüchtigung, die Charakterbildung und die weltanschauliche Indoktrination.

Die Hitlerjugend

Die Hitlerjugend (HJ) spielte eine wichtige Rolle in der außerschulischen Erziehung. Sie sollte die Jugend auf den Wehrdienst vorbereiten und sie im Geiste des Nationalsozialismus erziehen. Durch die Jugenddienstverordnung von 1939 wurde die Mitgliedschaft in der HJ für alle Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren verpflichtend.

Nationalsozialistische Pädagogik

Die Erziehungswissenschaft im Nationalsozialismus wurde ideologisiert und politisiert. Vertreter wie Ernst Krieck und Alfred Baeumler entwickelten Theorien, die die nationalsozialistische Ideologie unterstützten und die Erziehung in den Dienst des Staates stellten.

Ernst Krieck und die funktionale Erziehung

Krieck betonte die Bedeutung der „funktionalen Erziehung“, die durch das Aufwachsen in der Gemeinschaft und die Übernahme von deren Werten und Normen erfolgt. Er propagierte eine „Zucht“ im Sinne der Anpassung an den „Typus“ der Gemeinschaft.

Alfred Baeumler und das Problem der Bildsamkeit

Baeumler setzte sich mit dem Begriff der Bildsamkeit auseinander und versuchte, ihn im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie neu zu interpretieren. Er argumentierte, dass die Bildsamkeit des Menschen durch seine rassische Zugehörigkeit begrenzt sei.

Zusammenfassung

Die Pädagogik im Nationalsozialismus war geprägt von einer Rassenideologie, einem Antiintellektualismus und einer totalen Instrumentalisierung der Erziehung. Die Nationalsozialisten nutzten das Bildungswesen, um ihre Ideologie zu verbreiten und die Jugend auf den Dienst am Staat vorzubereiten. Die Erziehungswissenschaft wurde gleichgeschaltet und spielte eine wichtige Rolle bei der Legitimierung des NS-Regimes.

Schreibe einen Kommentar