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Welt: Chatroom statt Hörsaal

Fernstudenten können nicht nur mit ihren Professoren via E-Mail kommunizieren, sondern auch Tests online erledigen

Von Mareike Knoke

Zweimal pro Woche trifft sich Elke Stein mit ihren Kommilitonen – wenn mal wieder der Abgabetermin für ein gemeinsames Referat oder eine Seminarpräsentation näher rückt. Für diese Arbeitstreffen braucht Elke Stein ihre gemütliche Wohnung im nordrhein-westfälischen Bad Driburg allerdings nicht zu verlassen. Sie schaltet einfach ihren Computer ein und klickt auf die Seite der Fernhochschule Akad. Dort gelangt sie auf einen virtuellen Campus und trifft sich zum Gruppen-Chat mit ihren Kommilitonen. Dass sie die anderen nicht sehen kann, stört die 26-jährige Studentin der Wirtschaftsinformatik nicht. “Beim Chatten kommen uns oft richtig gute Ideen, das gemeinsame Arbeiten macht großen Spaß”, schwärmt sie.

Seit dem Frühjahr 2005 studiert die gelernte Fachinformatikerin für Systemintegration, die in der IT-Entwicklung eines Logistik-Unternehmens arbeitet, an der privaten Fernhochschule. An sieben Standorten in Deutschland bietet Akad ihren derzeit 8500 zumeist berufstätigen und weiterbildungswilligen Studenten Voll- und Aufbaustudiengänge auf Distanz an, Schwerpunkt: Wirtschaft.
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Für ihre 15 Präsenz- und Klausurtermine pro Jahr – meistens am Wochenende – setzt sich Elke Stein ins Auto und fährt an eine Fachhochschule im schleswig-holsteinischen Pinneberg. Die Kombination aus Fernstudium in Modulen, Präsenzseminaren und E-Learning an einer Virtuellen Hochschule passt für sie perfekt. “Für ein Vollzeitstudium meinen Job aufzugeben konnte ich mir nicht leisten. Aber andererseits will ich im Beruf auch nicht auf der Stelle treten, sondern mich für verantwortungsvolle Posten im Unternehmen qualifizieren.” Die rund 10 000 Euro für das dreijährige Studium investiert sie deshalb gerne. Zumal die Kosten steuerlich absetzbar sind.

So denken mittlerweile immer mehr Berufstätige in Deutschland. Sie verzichten dafür auf Freizeit und Urlaubsreisen und nehmen auch eine deutliche Beeinträchtigung ihres Privatlebens in Kauf, wenn es der Karriere dient und so vielleicht der Aufstieg zum Abteilungsleiter glückt. Das ergab eine Absolventenbefragung der Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen (ZFH) in Koblenz. Zahlreiche private, aber auch immer mehr staatliche Hochschulen, darunter viele Fachhochschulen, bieten das Studium auf Distanz an. Branchengrößte ist die staatliche Fernuniversität Hagen mit 43 000 eingeschriebenen Studenten an vier Fakultäten. Die meisten Fernstudenten sind zwischen Mitte 20 und 40 Jahre alt, haben Abitur oder zumindest Fachabitur und sind zu 80 Prozent teilzeit- oder vollzeitberufstätig. “Etliche nutzen auch ihre Elternzeit, um sich beruflich weiterzuqualifizieren”, berichtet Rainer Olbrich, Professor für Marketing an der Fernuni Hagen. Was alle Fernstudenten gemeinsam haben: “Ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Motivation und Zielstrebigkeit”, fasst Olbrich treffsicher zusammen.

“Fernstudien boomen”, sagt Margot Klinkner, Geschäftsführerin ZFH. “Lebenslanges Lernen lautet heute die Devise, wenn man die Karriereleiter hochklettern will.” Und die modernen, blitzschnellen Kommunikationswege via Internet, sagt Klinkner, hätten den Boom des Studiums fern der Heimatstadt noch verstärkt. Mittlerweile können die Studenten nicht nur ihre Sprechstunden mit Professoren via E-Mail abwickeln und Seminarmaterial herunterladen, auch Seminararbeiten und Tests können online auf speziellen Nutzerportalen der Hochschulen hinterlegt werden.

Rund 2000 Studierende erwerben an dreizehn Standorten der ZFH ihren Master of Business Administration (MBA), ihren Bachelor in Bildungs- und Sozialmanagement oder ein Diplom in Informatik. Einer von ihnen ist der Jurist Martin Wessner. Derzeit arbeitet er als Insolvenzverwalter für eine Anwaltskanzlei im schwäbischen Reutlingen und betreut Kunden zwischen Karlsruhe und Konstanz. Den Job hat der 34-Jährige sich in der Praxis angeeignet. “Denn eigentlich fehlt mir das betriebswirtschaftliche Hintergrundwissen”, gesteht Wessner.

Weshalb er sich – ermutigt durch seinen Arbeitgeber – entschloss, an der FH Remagen einen MBA in Insolvenzmanagement dranzuhängen. Alle paar Wochen setzt er sich am Ende einer harten 60-Stunden-Arbeitswoche freitagnachmittags in den ICE vom Schwaben- ins Rheinland, um Samstagmorgen pünktlich zur Vorlesung zu erscheinen. Das kostet ihn rund 1600 Euro pro Semester und viel Freizeit. Denn zusätzlich wartet Woche für Woche ein Stapel Vorlesungsskripte auf ihn, der bis zum nächsten Präsenzsamstag durchgearbeitet werden muss.
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Warum tut er sich diesen Stress an? “Weil ich, was meine Karriereaussichten anbelangt, auch in europäischen Dimensionen denke”, sagt Wessner. “Denn als Nur-Jurist bin ich auf Jobs in Deutschland festgelegt, weil die Rechtssysteme der europäischen Länder untereinander oft nicht kompatibel sind.”

Auch Petra Jacoby, Verlagsangestellte in Berlin, investierte viel Zeit in ihre Fortbildung. Mit ihrem Job als Assistentin der Verlagsleitung ist sie unzufrieden, “weil ich im Grunde nur Sekretariatsarbeiten erledigen muss, aber eigentlich anspruchsvollere Aufgaben haben möchte.” Bis zu 15 Stunden pro Woche las und lernte die 36-jährige deshalb bis zum vergangenen Sommer für gleich zwei Fernstudien. Für ein vierjähriges BWL-Studium an der Hochschule Magdeburg-Stendal büffelte sie Marketing, Controlling und Rechungswesen. Außerdem ist sie nun, nach vier Semestern Weiterbildung an der Universität Lüneburg, zertifizierte Umweltmanagerin. Bislang zeigten die neu gewonnenen Abschlüsse bei ihrem Arbeitgeber zwar nicht die gewünschte Wirkung. Dafür studiert Petra Jacoby jetzt umso eifriger den Stellenmarkt. “Einige meiner Kommilitonen haben noch während des Studiums neue, interessantere Jobs gefunden”, macht sie sich Mut.

Dass Unternehmen durchaus positiv auf Bewerber mit Fernhochschulabschluss reagieren, bestätigt zum Beispiel die Volkswagen AG. “Wer neben seinem Job noch ein anspruchsvolles Studium durchzieht, zeigt Organisationstalent und überdurchschnittliches Durchhaltevermögen”, so eine Sprecherin des Unternehmens.

Artikel erschienen am 20.01.2007

[Quelle: Welt-Kompakt]

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