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Wikipedia erfindet sich neu

In gewisser Hinsicht ist Wikipedia dabei, sich zu Tode zu siegen. Je größer die Leserschaft der Online-Enzyklopädie wird, desto unwilliger klingen die Klagen über Fehler, Ungereimtheiten und Sabotageakte aller Art. In dem monströs großen Laien-Lexikon sind Millionen von Artikeln in Hunderten Sprachen zu finden, nicht alle entsprechen der Wahrheit.

Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Konkurrent mit einem fehlerbereinigten Produkt das Feld betreten würde. Aber dass es ausgerechnet der einstige Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger sein würde, hat schon eine gewisse Ironie.

Sanger, der Wikipedia im Jahr 2001 – wie manche sagen: im Streit – verließ, will in den nächsten Tagen ein eigenes, ebenso massenwirksames, aber seriöseres Lexikon vorstellen. Es trägt den gestelzten Titel “Citizendium” und soll, so heißt es auf der Webseite www.citizendium.org, ein “experimentelles neues Wiki-Projekt” sein, “das öffentliche Mitwirkung mit der sanfte Führung von Experten verbindet”. Die ersten ein, zwei Monate wird nur ein kleiner ausgewählter Kreis von Autoren und Redakteuren an dem Experiment teilnehmen, dann sollen auch die Massen in den Genuß der sanften Führung kommen.

Ohne Wikipedia geht es aber immer noch nicht. Zu Beginn nämlich möchte Citizendium einfach nur das gesamte Wikipedia-Repertoire von A bis Z kopieren und in überprüfter und korrigierter Form veröffentlichen (woraufhin Wikipedie theoretisch wiederum die aktualisierten Citizendium-Artikel übernehmen könnte), wobei Citizendium offenbar auf akademisches Niveau zielt.

Anders als bei Wikipedia, wo sich jeder zu allem äußern kann, bis der nächste Nutzer den Beitrag verändert, verlangt Sanger, dass sich die Autoren mit ihrem richtigen Namen und ihrer e-mail-Adresse registrieren. Anonyme Irrläufer, die das Lexikon mit Unsinn vollschreiben, hätten bei Citizendium keine Chance.

Zudem will Sanger eine neue einflussreiche Gruppe einführen, die “Redakteure”. Zwar kann sich jeder selbst zum Redakteur erklären, muss aber seine Qulifikation durch einem Lebenslauf nachweisen, wenn auch nicht zwingend ein Studium. Im Unterschied zum unübersehbaren Info-Markt Wikipedia, wo sich die Diskussionen oft über Monate hinziehen, dürfen die Redakteure im Falle eines strittigen Artikels eine Entscheidung treffen, wenn das Thema zu ihrem Spezialgebiet gehört: “Denkt euch die Redakteure als Dorfälteste, die über den Basar schlendern und gelegentlich Ratschläge geben. Ihre Anwesenheit hat einen moderierenden, zivilisierenden Effekt, aber der Basar bleibt ein Basar”, so Sanger im Internet. Ein “Expertpedia”, eine nutzerferne, hierarchische Kathedrale des Wissens, soll Citizendium nicht werden.

Und für ihre Mühen werden die Mitarbeiter vielleicht sogar bezahlt, denn Sanger hofft auf Spenden von Universitäten, Firmen und Privatleuten. Werbung soll es, wie auf Wikipedia, nicht geben. Überhaupt sei er, Sanger, ja ein großer Anhänger von Wikipedia, erklärte er jüngst auf der Berliner “Wizard of OS 4”-Konferenz. Doch müsse man die Online-Enzyklopädie wohl eher als “Prototypen” betrachten.

[SZ vom 17.10.2006]

www.Hypersmash.com

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